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Dekompression beim Tauchen - Fragen und Antworten - (C) Peter Rachow 2012

F: Was bedeutet "Dekompression" und warum ist sie für den Taucher von Bedeutung?

A: Bei jedem Tauchgang mit Tauchgerät (ausgenommen solche, die mit 1-bar-Druckanzug oder reinem Sauerstoff durchgeführt werden) atmet der Taucher das Atemgas unter erhöhtem Druck. In jedem Atemgas (egal ob Luft, Nitrox, Trimix) befinden sich Anteile von sog. Inertgasen (z. B. Stickstoff oder Helium). Diese Gase sind normalerweise stoffwechselphysiologisch nicht wirksam, werden jedoch beim Atmen von der Lunge an das Blut abgegeben und lösen sich anschließend durch den erhöhten Umgebungsdruck beim Tauchen in den Körpergeweben, die mit dem Blut versorgt werden. Die in den Geweben bei einem bestimmten Druck gelösten Gase können nur solange in Lösung bleiben, wie der Umgebungsdruck (und damit der Partialdruck dieser Gase beim Atmen) nicht wieder absinkt.

Beim Auftauchen wird der Umgebungsdruck reduziert und die vorher durch den erhöhten Atemgasdruck in den Geweben des Körpers gelösten Gase werden freigesetzt und wieder an das Blut abgegeben, das sie wieder zur Lunge transportiert. Dies ist dann die sog. Dekompressionsphase .

Ein Tauchgang lässt sich also grob in 3 Phasen unterteilen:

  • Die Abstiegsphase mit ansteigendem Umgebungsdruck ( Kompressionsphase ) , hier beginnt die Lösung der inerten Gase im Körper.
  • die Isopressionsphase (Grundzeit, Umgebungsdruck bleibt [mehr der weniger] konstant), die Lösung geht weiter.
  • die Dekompressionsphase (sinkender Umgebungsdruck, die gelösten Inertgase, allen voran der Stickstoff, verlassen die Körpergewebe)
Abhängig von Menge und Maximaldruck der vorher gelösten Gase müssen bei Überschreiten bestimmter körperlicher Toleranzgrenzen bestimmte Austauchstufen eingehalten werden, um den jetzt wegen des abnehmenden Umgebungsdruckes aus den Körpergeweben frei werdenden Inertgasen die Gelegenheit zu geben, den Körper langsam zu verlassen. Geschieht dies nicht, wird also auf einmal durch zu schnelle Druckverminderung (i. e. zu schnellen Aufstieg) in eine zu kurzen Zeit zuviel Inertgas freigesetzt welches nicht voim Ort des Entstehens auf dem Bluttransportweg abgeführt weren kann, bilden sich Blasen aus freigesetzem Gas, die schwere gesundheitliche Störungen hervorrufen können ( Dekompressionskrankheit ).

Ziel der Aufstiegsverlangsamung ist es also, die pro Zeiteinheit freigesetzte Inertgasmenge zu begrenzen, um einen geordneten Abtransport des Inertgases zu ermöglichen. Ist der Aufstieg dagegen zu schnell, bilden sich im venösen Blut (dem "verbrauchten", also zur Lunge hin stömenden sauerstoffarmen Blut) Gasblasen aus z. B. Stickstoff, die in der Lunge nicht abgegeben werden können und in das arterielle System des Kreislaufs übertreten.

Dort können sie Schädigungen verursachen, die von Gewebebeschädigungen (rote Flecken auf der Haut (Hämatome), Gelenkschmerzen, Hautjucken) bis zu Lähmungserscheinungen und Ausfall der Sinneswahrnehmungen reichen können.

F: Findet Dekompression bei jedem Tauchgang statt?

A: Ja. Die vorher beschriebenen Vorgänge finden bei allen Tauchgängen statt, bei denen nicht reiner Sauerstoff geatmet wird. Der menschliche Körper hat allerdings eine gewisse Tolerqanz gegen einen Überdruck der Inertgase in seinen Geweben, so dass explizite Dekompressionspausen beim Auftauchen während der Druckentlastung nur dann nötig werden, wenn bestimmte Grenzwerte für Tauchtiefe und Tauchzeit überschritten wurden. Der Physiker spricht in diesem Zusammenhang auch von einer sog. "Gasspannung" unter der die in den Geweben gelösten Gase stehen. Diese Spannung lässt sich mit einer elektrischen Spannung gut vergleichen. Bei der elektrischen Spannung kann man sich eine Kraft vorstellen, mit der die Elektronen des Stromes angetrieben werden, bei der Gasspannung ist es eine Kraft, die das Bestreben hat, das Inertgas aus dem Gewebe heraus zu treiben.

Bleibt man insgesamt unterhalb eines bestimmten Wertes für die "Gasspannung" so ist die "Austrittskraft" der inerten Gase aus dem Gewebe hinreichend klein und man kann bei Beachtung einer bestimmten Aufstiegsgeschwindigkeit (meistens 10 m / min) den Tauchgang sofort beenden. Diese Zeit, bis zu der auf einer bestimmten Tiefe verweilt werden kann, ohne Dekompressionspausen einzuhalten, heißt " Nullzeit ".

Allerdings kann auch nach Tauchgängen innerhalb der sog "Nullzeit" bei bestimmten, ungünstig disponierten Menschen eine Schädigung durch unzureichende Dekompression beobachtet werden. Auch muss stets die maximal zulässige Aufstiegsgeschwindigkeit (i. d. R. 10m/min. oder weniger) eingehalten werden, da diese in die Berechnung der Dekompression nach einem Nullzeittauchgang einberechnet wird.

F: Sind Nullzeittauchgänge sicherer als Dekompressionstauchgänge?

A: Nein. Dies ist eine These moderner Tauchausbildung und ist nicht nur vereinfacht sondern falsch. Der Begriff "Nullzeit"-Tauchgang sagt lediglich aus, dass während des Austauchens keine Stopps eingehalten werden müssen, weil die Gewebesättigung mit Inertgas unterhalb einer bestimmten kritischen Schwelle geblieben ist und das Inertgas auf dem Weg zur Oberfläche durch die langsame Aufstiegsgeschwindigkeit wieder in ausreichend langsamen Maße abgegeben werden kann.

Wenn die max. Aufstiegsgeschwindigkeit, die der Berechnung der Nullzeit zu Grunde liegt, nicht überschritten wurde, wird es also in der überwiegenden Mehrzahl der Nullzeittauchgänge keine Dekompressionsprobleme geben, da das aufgesättigte Inertgas von Druck und Menge unterschwellig genug ist, zeitlich ohne durch Zwischenstopps erzielte Aufstiegsverlangsamung entsättigt zu werden..

Die Sättigung der Gewebe kann sich jedoch sehr dicht an der kritischen Grenze befinden, ab deren Überschreiten Dekompressionsstopps notwendig werden. Ob es zum Auftreten von Symptomen der Dekompressionskrankheit kommt, entscheidet sich nun zusätzlich an einer Vielzahl weiterer Faktoren. Siehe dazu die Frage nach den Risikofaktoren . Daher: Besonders Tauchgänge, die an die Grenze der sog. "Nullzeit" führen, sollten kritisch betrachtet werden.

Physiologisch sind grenzwertige Nullzeittauchgänge und regelgerecht beendete Dekompressionstauchgänge gleichwertig. Mindestens ein Körpergewebe (das sog. "Leitgewebe" ist noch so weit mit Inertgas beladen, dass die kritische Grenze, ab derer im Blut manifeste Gasblasen auftreten würden, rechnerisch gerade nicht erreicht wird.

F: Was ist eine Dekompressionskrankheit?

A: Sie ist die Folge einer unzureichenden Dekompression und damit meist von großen manifest (nachweisbar) auftretenden Gasblasen im Blut, die zu Gewebezerstörungen, lokalen Embolien, Blutgefäßverschlüssen etc. führen können. Aber auch bereits eine hohe Belastung mit sog. Mikrogasblasen kann Symptome hervorrufen, z. B. eine extreme Müdigkeit.

F: Risikofaktoren: Wer ist besonders anfällig für die Dekompressionskrankheit?

A: Neben einigen nicht näher bestimmbaren Faktoren sind dies i. W.:

  • Übergewicht (Fettgewebe bindet besonders viel Stickstoff, ist aber schlecht durchblutet)
  • Rauchen (die Durchblutung der Gewebe sinkt, d. h. das Inertgas wird nicht so schnell abtransportiert)
  • Vorher erlittener Dekompressionsvorfall (Es bildet sich vernarbtes Gewebe, das sehr intolerant gegen eine hohe Gasspannung ist).
Weiterhin sind Risikofaktoren: Flüssigkeitsmangel (Folge: schlechte Durchblutung), starke Auskühlung (mehr Inertgas löst sich im kalten Gewebe) und hohe körperliche Arbeit unter Wasser (mehr Gas wird veratmet).

F: Was bedeutet "inertes Gas"

A: Inerte Gase sind Gase, die keine (bio-)chemische Wirksamkeit entfalten, d. h. an Reaktionen (z. B. Stoffwechsel) nicht beteiligt sind. Sie können trotzdem im Körper wirksam werden, wie z. B. bei der Stickstoffnarkose ("Tiefenrausch". Diese hat aber keine chem. sondern physikalische Ursachen, da die Weiterleitung elektrischer Nervenimpulse in den Synapsen der Nerven durch Stickstoff unter hohem Druck gestört wird.

F: Was ist besser für das Dekompressionstauchen geeignet: Eine Dekotabelle oder ein Dekocomputer?

A: Die Bedieung eines Dekocomputers erfordert im Extremfalle keine Kenntnisse der Dekompressionsverfahren. Man kann sich auf das Ablesen und die Interpretation der angezeigten Daten beschränken. Problematisch wird es, wenn mit dem Computer Dekotauchgänge durchgeführt werden, und das Gerät während des Tauchens ausfällt. Eine sichere Dekompression ist dann defintiv nicht mehr möglich, wenn keine Ersatzinstrumente mitgeführt und sachgerecht benutzt werden.

Die für die Anwendung der Dekompressionstabelle verwendeten Geräte (Taucheruhr, Tiefenmesser) sind technisch einfacher und habe eine geringere Ausfallwahrscheinlichkeit. Nachteil der Tabelle ist, dass nur Tauchgänge mit einer einfachen Profilstruktur geplant werden können (Sog. "Rechteck"- oder "Trapez"-TG, deren Profile wie die entsprechenden geometrischen Flächen aussehen).

Die Anwendung der Tabelle (insbesondere, wenn Wiederholungstauchgänge durchgeführt werden sollen) erfordert jedoch Sachkenntnis und Übung.

Empfehlenswert ist es, Deko-TG mit einer Dekotabelle zu planen und einen Computer als Sicherheitsreserve beim Tauchgang mitzuführen.

Nach neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen gibt die Verwendung einer Tabelle keine geringeren Wahrscheinlichkeiten für das Auftrreten einer Dekompressionskrankheit als die Verwendung eines Tauchcomputers, auch wenn theoretisch die Tabelle systembedingt mit höheren Sicherheitsreserven arbeitet (idealisiertem Rechteckprofil statt realem Tauchprofil).

F: Warum sind die Dekompressionsphasen beim Computer kürzer, wenn ich für den gleichen Tauchgang den Dekocomputer mit der Tabelle vergleiche?

A: Der Computer berechnet die Inertgasaufsättigung ausgehend vom realen Profil des Tauchganges. Hier wird quasi im Takte weniger Sekunden ein identisches Abbild der Tiefen-/Zeitlinie erstellt und die Sättigung der Gewebe und damit die Dekompressionsregeln für den Tauchgang werden anhand der Profillinie berechnet. Die Tabelle dagegen geht von einem vereinfachten Profil aus, indem sie die gesamte Grundzeit auf der maximalen Tiefe rechnet. Dadurch wird die Dekompressionsphase deutlich länger, weil theoretisch mehr Inertgas aufgesättigt wird als das in der Praxis der Fall sein wird.

F: Kann ich auch mit einer Nullzeitentabelle Deko-TG planen?

A: Nein. Dafür sind diese Tabellen (z. B. PADI RDP) nicht gedacht und auch nicht geeignet. Das gleiche gilt für Nullzeitencomputer. Wer dekompressionspflichtige TG planen und durchführen will, braucht die entsprechenden richtigen Werkzeuge (z. B. die Tabelle Deco 2000).

F: Wie äußern sich Symptome einer unzureichenden Dekompression?

A: Durch Anzeichen der Dekompressionskrankheit (DCS) mit verschiedenen Ausprägungen

  • DCS Typ I mit Haut-, Muskel- und Gelenksymptome (‚Bends‘, also Gelenkschmerzen, die erträglicher werden, wen das Gelenk in Beugehaltung gehalten wird), Juckreiz der Haut, lokale Schwellungen, Rötungen, Blutergüsse.
  • DCS Typ II mit Nervenlähmungen, Bewusstlosigkeit, motorischen und sensorischen Störungen (Taubheit, Blindheit) oder Tod.
F: Ich habe gehört, dass der Körper für die Dekompression in verschiedene "Gewebe" eingeteilt wird. Was hat es damit auf sich?

A: Es handelt sich um ein Hilfskonstukt, um Dekompressionsverfahren mathematisch berechnen zu können ( Dekompressionsmodelle ). Die inerten Gase lösen sich in unterschiedlichen Geweben des Körpers unterschiedlich schnell. Diese Zeiten nennt man "Halbwertszeiten", also die Zeit, die ein Gewebe braucht, um die Hälfte des vorher bestehenden Inertgaspartialdruckes zum Maximaldruck aufzusättigen oder zu entsättigen. Die Toleranz dieser verschiedenen Modellgewebe (wie auch der realen Gewebe) gegen eine zu hohe Gasspannung ("Inertgasüberladung" ist ebenfalls unterschiedlich hoch.

Aus diesen Gründen hat man den Körper in mehrere modellhafte Teilgewebe untergliedert, die die verschiedenen Eigenschaften der Körpergewebe symbolisieren und auf deren Daten die mathematischen Berechnungen für die Dekompression beruhen. Diese Modellgewebe nennt man in der Fachsprache Kompartimente . Sie stellen reale Gewebe bzw Gewebegruppen vereinfacht dar. Meistens rechnen Tauchcomputer mit 8 bis 16 dieser theoretischen Gewebe, was den Körper und sein Verhalten in Bezug auf Gaslösung ausreichend genau abbildet.

Schnelle Gewebe sind z. B.: Blut, Nerven Rückenmark, Gehirn, mittelschnelle Gewebe sind z. B.: Muskeln, Haut und langsame Gewebe sind z. B.: Knochen und Knorpel. Hierbei gilt als Faustregel: Je besser ein Gewebe durchblutet ist, desto kürzer ist seine Halbsättigungszeit für das Inertgas und desto toleranter ist es gegen Übersättigung..

F : Was kann man tun, wenn man beim Dekomprimieren zu wenig Luft hat, um alle Dekompressionsstopps durchführen zu können?

A: Es gibt mehrere Handlungsalternativen:

1. Dekompressionsphase verkürzen: Hier sollte darauf geachtet werden, dass die tiefen Stopps (i. d. R. 15 m, 12m und 9m) in etwa mit der vorgeschriebenen Zeitplanung durchgeführt werden, denn hier werden Gehirn, Zentralnervensystem und Rückenmark entsättigt. Die hier betroffenen Gewebe haben glücklicherweise die höchste Toleranz gegen einen Inertgasüberdruck, sie ertragen hohe Gasüberspannungen besser. Problem: Unzureichende Dekompression bei diesen Geweben hat meistens schwerwiegende gesundheitliche Störungen wie Lähmungen und sensorische Ausfälle (Empfindungsstörungen) zur Folge.

Die flacheren Stopps (6m und 3m) können jedoch verkürzt werden, weil hier nur die langsamen Gewebe entsättigt werden. Diese Verkürzung der Entsättigungsphasen kann u. U. zu Symptomen wie Hautrötungen, Gelenk- und Muskelschmerzen aber i. d. R. nicht zu lebensbedrohlichen und/oder irreversiblen Schäden führen.

2. Dekompression kurz unterbrechen und neue Luft besorgen. Die Toleranzzeit liegt hier bei max. 3 Minuten, innerhalb derer wieder abgetaucht werden muss. Wenn Symptome der DCS auftreten, kann das Verfahren nicht mehr angewendet werden. Die Dekompression wird vom ersten Stopp wiederholt und, wenn möglich, die Zeiten auf den Stufen verdoppelt. Dieses Verfahren heißt " nachgeholte Dekompession "

3. 100% Sauerstoffatmung nach dem Tauchgang an der Oberfläche: Weil kein Stickstoff mehr zugeführt wird, kann der aus den Geweben austretende Stickstoff schneller eliminiert werden, da das Inertgasgefälle zwischen Atemgas und Inertgas in den Geweben sehr groß ist (hoher Partialdruckgradient). Außerdem sättigt sich das Blut mit Sauerstoff, so dass die Vitalfunktionen des Körpers stabilisiert werden. Die Weiterbehandlung in einer Druckkammer und die Atmung von Sauerstoff unter erhöhtem Druck sind angezeigt.

F: Ich hörte die beiden Begriffe "nasse Rekompression" und "nachgeholte Dekompression". Meinen sie das Gleiche?

A: Nein. Die nachgeholte Dekompression kann angewendet werden, wenn man nur kurz an der Oberfläche verweilt hat, z. B. um sich neue Luft zu beschaffen o. ä. Bei ihr sind noch keine Symptome der DCS aufgetreten. Es wird nur die Dekompressionsphase wiederholt, allerdings mit Verdopplung der Zeiten auf den einzelnen Stufen.

Die nasse Rekompression wurde früher angewandt, wenn ein Taucher bereits Symptome zeigte. Es wurde auf eine große Tiefe (> = 50 m) abgetaucht und dann der Tauchgang mit sehr großen Zeitverlängerungen auf den Dekostufen zu Ende geführt (extrem verlängerte Dekompressionsphase). Sie kann heute nicht mehr empfohlen werden, da z. B. der verunfallte Taucher instabil bezüglich seiner Vitalfunktionen werden kann oder durch die massive Auskühlung zusätzlich Schaden nehmen könnte.

F: Was sind Mikroblasen?

A: Auch beim regelgerechten Austauchen entstehen kleinste Gasblasen im Blut und anderen Geweben. Diese errreichen jedoch nicht die Größenordnung, um in großem Umfange schädlich zu wirken. Ihr Radius bleibt im Bereich einiger Mikrometer (Millionstel Meter). Sie führen jedoch dazu, dass der Gasaustausch in der Lunge behindert wird, das/die Inertgas(e) also nicht so effektiv abgegeben werden können.

Mikrogasblasen, wenn sie nicht von manifesten Gasblasen begleitet werden, sind ein Indiz für eine ausreichende Dekompression. Neuere Dekompressionsverfahren wie das VPM- oder RGBM-Modell versuchen bereits, die Mikrogasblasenbildung auf rechnerischem Wege zu minimieren, weil man davon ausgeht, dass es sich um eine Vorstufe manifester Blasen handelt. Eine Folge ist, dass die Dekompressionsphase nach diesen "modernen" Verfahren früher beginnt als nach den "klassischen" Dekompressionalgorithmen (z. B. dem Bühlmann-Verfahren))

Diese Blasen werden unwissenschaftlich auch als "stumme Blasen" bezeichnet.

F: Was sind Dekompressionsmodelle?

A: Dekompressionsmodelle versuchen, die Abläufe der Gasauf- und entsättigung im Körper mathematisch nachzubilden, um sie berechenbar zu machen.

Es gibt die sog. "Klassischen Modelle", zu denen z. B. die Arbeiten von Haldane zu Ende des 19. Jh. zählen und die Ableitungen von A. A. Bühlmann aus den 70er und 80er Jahren des 20. Jh.. Diese Modelle werden auch als Kompartiment-Modelle bezeichnet, da sie auf der Unterteilung des Körpers in Teilgewebe beruhen (sog. Kompartimente). Sie definieren für diese Kompartimente Halbwertszeiten für die Sättigung und Entsättigung des Gewebes unter Druck und stellen Werte für den Inertgasüberduck auf, den jedes Gewebe beim Austauchen symptomlos tolerieren kann.

Neue Modelle (VPM=variable permeability model, RGBM=reduced gradient bubble model) widmen sich mehr den physikalischen Vorgängen bei der Gasblasenbildung während der Kompression und Dekompression (Abtauch- und Auftauchphase). Aber auch hier wird der Körper in Modellgewebe unterteilt, jeodch steht die Blasenmechanik im Vordergrund und nicht die Toleranz der Körpergewebe gegen eine Übersättigung mit Inertgas.

Alle diese Modellle sind nur mathematische Annäherungen mit einer begrenzten Genauigkeit. Sie sind in sich geschlossen, decken jedoch nur einen Teil der in der Realität wirkenden Faktoren ab. So ist es z. B. nicht möglich, eine größere Anzahl Tauchgänge innerhalb einer kurzen Zeitspanne (z. B. 5 TG innerhalb 24h) zuverlässig zu berechnen, auch wenn Anbieter moderner Tauchcomputer genau dies vorgeben. Die Ursache liegt in der sehr komplexen Entsättigungsmechanik, die durch eine Vielzahl körperspezifischer Faktoren bestimmt wird, die nicht in die Rechenmodelle eingehen können, da sie von Individuum und seiner momentanen bzw. generellen Disposition bestimmt werden.

Auf den folgenden Gedankengang wies mich zusätzlich Karl Heser hin:

Da die Rechenmodelle durch empirisch ermittelte Daten überprüft werden, die zur Verfügung stehenden Datenmenge aber mit der Anzahl der Wiederholungs-TG geringer wird, da sich empirisch nicht beleibig viele Wiederholungs-TG in einem bestimmten Zeitrahmen durchführen lassen, differieren die errechneten Daten und die Realität mit der Anzahl der Wiederholungs-TGs zunehmend. Für den ersten Deko-TG sind deshalb die Modelle daher deutlich sicherer als für den 2+x-ten Wiederholungs-TG, auch wenn es sich dabei um sog. "Nullzeit-TG" handelt. Siehe auch hier .

F: Wie kann ich die Dekompressionsphase verkürzen?

A: Nicht ohne technischen Aufwand. Es gibt verschiedene Möglichkeiten:

1. Als Tauchgas eines verwenden, das einen geringeren Inertgas- dafür aber einen hohen Sauerstoffanteil hat (z. B. Nitrox).
2. Während der Dekompressionsphase ein Atemgas mit hohem Sauerstoffanteil verwenden, z. B. Nitrox mit 80% O 2 oder reinen Sauerstoff.

F: Lohnt sich der Aufwand für eine Nitrox- oder Sauerstoffdekompression?

A: Nein, es sei denn man hat sehr lange tiefe Tauchgänge hinter sich, die Dekompressionzeiten > = 30 Minuten erfordern. Für TG in Bereiche von 50 bis 70 Metern max. Wassertiefe und Grundzeiten im Bereich bis max. 15 min. sind die Dekompressionszeiten mit Pressluft im praktikablen Bereich (ausreichender Luftvorrat und keine Probleme mit Auskühlung vorausgesetzt).

F: Worin liegen die Unterschiede der Tabellen Deco92 und Deco2000?

Die Unterschiede in den Dekompressionszeiten sind gering, jedoch hat die Deco 2000 deutlich kürzere Flugverbotszeiten. Bei der Deco 2000 werden weiterhin für einige Tiefen-/Zeitenkombinationen die Dekozeiten anders verteilt. Die Tendenz geht dahin, die Dekompressionsphase auf einer tieferen Stufe zu beginnen und dafür die flacheren Stufen geringfügig abzukürzen. Dies geschieht aus der Absicht heraus, die Bildung von Mikrogasblasen zu verringern.

F: Warum muss ich beim Tauchen in Bergseen länger dekokmprimieren?

A: Der Umgebungsluftdruck in der Höhe ist geringer als auf Meereshöhe. Nach dem Verlassen des Wassers wirkt nur noch dieser geringere Luftdruck auf den Taucher. Dadurch kann es (wie in einem Verkehrsflugzeug auch) zu dem Problem kommen, dass der Umgebungsdruck zu gering ist, das verbliebene gelöste Inertgas in den Geweben des Körpers zu halten. Die Folge wäre eine Dekompressionskrankheit. Daher muss der Taucher bereits im Wasser soweit entsättigt werden, dass das Inertgas in seinen Geweben auch unter dem geringeren Umgebungsdruck in diesen Geweben gehalten werden kann und keine Gasblasen auftreten.

F: Früher hat man beim Bergseetauchen einfach die normale Dekotabelle verwendet und einen Tiefenzuschlag gegeben. Ist das sinnvoll?

A: Nein. Dieses Verfahren führt zwar ebenfalls zu längeren Dekompressionszeiten, es ist aber nicht exakt, weil die verschiedenen Kompartimente des Körpers und deren Sättigung mit Inertgas nicht exakt abgebildet werden. Es liegt beim Tauchen in der Höhe schließlich keine höhere Inertgasaufladung vor, was einem Tiefenzuschlag entsprechen würde, sondern ein vermehrtes Bestreben des Inertgases, die Gewebe schnell zu verlassen, da der Umgebungsdruck gering ist. Dies ist mathematisch nur exakt abzubilden, wenn man Berechnungen verwendet, die den geringeren Umbgebungsdruck beim Verlassen des Wassers (also am Ende der im Wasser stattfinden Dekompression) mit einberechnen.

F: Im Urlaub mache ich manchmal 5 Tauchgänge am Tag. Nun hat mir jemand erklärt, dass das ungesund sei. Stimmt das?

A: Ja. Sogar sehr ungesund. Bei dieser Art des Tauchens sättigen sich besonders die Körpergewebe, die lange Halbsättigungszeiten besitzen, wie z. B. Knochen, Knorpel und damit die Gelenke mit Stickstoff auf. Die Stickstoffaufladung dieser langsamen Gewebe nimmt in der Folge mit jedem Tauchgang zu und kann in den Oberflächenpausen nicht signifikant verringert werden. Da die langsamen Gewebe das Inertgas auch nur sehr langsam abgeben, steigt die Aufladung mit Stickstoff im Laufe der folgenden Zeit permanent an. In bestimmten Fällen kommt es dann (meistens am 2. oder 3. Tag) zu Symptomen der Dekompressionskrankheit Typ I, insbesondere wenn andere Risikofaktoren hinzukommen.

Unsinnig, ja nachgerade dumm, ist in diesem Zusammenhang auch die Argumentation "Das habe ich viele Jahre so gemacht und mir ist nichts passsiert". Erstens ist diese Aussage zutiefst unwissenschaftlich, da das, was für einzelne Personen gilt, für ein großes Kollektiv nicht gelten muss. Zweitens ist über die Spätfolgen eines solchen Verhaltens wenig bekannt. Betrachtet man allerdings tauchmedizinische Breitenstudien (z. B. Reul et. al.), kann man ein derartiges Tauchverhalten zumindest nicht als risikolos bezeichnen.

F: Kann mein Computer das nicht berechnen?

A: Nein. Nicht exakt. Der Computer berechnet eine Entsättigung anhand theoretischer Modelle . Diese Modelle sind relativ genau, solange nur wenige Tauchgänge pro 24 h Periode unternommen werden (max. 2 TG/Tag). Ab einer bestimmten Anzahl von Wiederholungstauchgängen innerhalb einer bestimmten Zeitspanne wird die Entsättigung zunehmend durch die Inertgasabgabe selbst gestört. Mit anderen Worten: Die Entfernung des Stickstoffes aus dem Körper verlangsamt sich, weil der zu entfernende Stickstoff die Gasabgabe in der Lunge blockiert. Es kommt zu einer teilweisen Blockade der Lungenbläschen durch Mikrogasblasen und damit zu einem reduzierten Gasaustasch.

Andere Dinge wie Austrocknung des Körpers tun ein übriges. Die Entsättigung kann also primär deshalb nicht mehr exakt kalkuliert werden, weil der Computer und das Rechenmodell nicht alle Rahmenbedingungen kennen können, denen der Taucher unterliegt.

F: Was bedeutet der Begriff "isobare Gegendiffusion"?

A: Isobare Gegendiffusion bezeichnet eine Problematik, die auftreten kann, wenn beim Tauchen auf einer bestimmten konstanten Tauchtiefe oder Dekompressionstufe (isobar = gleicher Druck) von einem Atemgas auf ein anderes gewechselt wird. Dies insbesondere deshalb, weil andere Inertgaskomponenten andere Diffusionsgeschwindigkeiten haben als der in der Luft enthaltene Stickstoff. Helium, das beim sog. "Mischgastauchen" verwendet wird, hat z. B. eine um den Faktor 2,63 höhere Diffusionsgeschwindigkeit als Stickstoff. Die mögliche "isobare Gegendiffussion" ist daher primär relevant beim Tauchen mit verschiedenen zeitlich abwechselnden Inertgasen.

Beim Mischgastauchen ist dies zum Beispiel dann der Fall, wenn beim Abtauchen von einem Gas mit einer hohen Stickstoffraktion (wie z. B. Luft oder nitrox) auf ein Gas mit einer geringen Stickstoff- dafür aber mit einer hohen He-Fraktion gewechselt wird (Trimix).

In diesem Falle (Wechsel von Nitrox/Luft-Gemisch auf Trimix mit He-Anteil) besteht nun rein theoretisch die Problematik einer übermäßigen Inertgasspannung in den Geweben. Dies begründet sich deshalb, weil Helium schneller in die Gewebe eindiffundiert als Stickstoff abgegeben wird. Jetzt kommt es zumindest zeitweise zu einer theoretisch erhöhten Inertgasaufladung des Gewebes und damit bei gegebenem konstantem Umgebungsdruck zu einer Übersättigung..

Wissenschaftlich belegt ist die praktische Relevanz dieser Problematik jedoch nicht, was auch damit zu tun haben dürfte, da dieser Gaswechsel in die Abtauchphase fällt und sofort nach dem Gaswechsel eine weitere Druckzunahme auf den Körper einwirkt, was die Gasüberspannung im Gewebe im Vergleich zum Umgebungsdruck herabsetzt. Dabei hat man nun jedoch strenggenommen keine "isobare" Situation mehr, da ja eine weitere Druckzunahme zu beobachten ist.

F: Was sind M-Werte?

A: Diese Bezeichnung geht auf den amerikanischen Dekompressionsforscher Workman zurück. Sie sind ein Synomym für die Bühlmannschen Übersättigungstoleranzen der Gewebe.

F: Was sind reverse Tauchprofile und welche Dekompressionsregeln ergeben sich?

A: Ein reverses (inverses) Tauchprofil bedeutet, dass der Wiederholungstauchgang nach einen Ersttauchgang tiefer als dieser ist. Welche Dekompressionsprobleme ergeben sich daraus?

Im Wesentlichen bestimmt die angenommene Dekompressionstheorie, die der Dekompression zugrunde gelegt wird, welche Implikatiomem sich ergeben. Die bekannte Aussage "tiefster TG zuerst" stammt absurderweise aus einer Zeit, als Gewebemodelle (Haldane et. al.) die hauptsächlich verwendeten waren. Es gibt interessanterweise im Gewebemodell aber keinen Grund, warum die vorher zitierte Aussage gelten soll. Dies wird erst bei den Blasenmodellen (VPM, RGBM) nachvollziehbar, weil hier das Tauchprofil Blasengröße und -aufkommen beeinflusst.

Gewebemodelle definieren Inertgasspannungen im Gewebe und gleichen anhand errechneter oder ermittelter Übersättigungstoleranzen die tolerierte Gasspannung ab. Ein Bezug zum Tauchprofil (sieht man mal von der Tatsache ab, dass Inertgasaufsättigung der Gewebe u. a. eine Funktion des Tauchprofiles ist) kommt hier nicht vor.

Die Erklärung ist die, dass man früher, zumindest partiell, davon ausging, dass eine Rekompression von sich nach der Dekompression noch in den Geweben (respektive dem Blut) befindlichen Inertgas(mikro)blasen auf einen höheren Umgebungsdruck ein Einschwemmen dieser dann komprimierten Blasen in kleinste Kapillargefäße befördern würde. Dies sollte verhindert werden.

Wenn man jedoch Blasenmodelle heranzieht, die definieren, dass Blasen unterhalb eine sog. "kritischen Radius" auch bei der Dekompression keine Ausdehnung erfahren, kann man ableiten, dass bestimmte Gasblasen, deren Radius nämlich klein genug ist, dadurch stabil bleiben. So betrachtet ist die vorstehend ausgeführte, "historische", Erklärung ad absurdum geführt.

Zieht man nochmals Blasenmodelle heran, sieht der Sachverhalt so aus, dass das Tauchprofil die Blasenbildung beeinflusst. Schnelle Abstiege und langsame Aufstiege führen beispielsweise zu kleineren Blasen als z. B. Jo-Jo-TG.

In einem Text von Yount et. al. wird ausgeführt, dass vor dem Hintergrund der Blasenbetrachtung, der tiefste Punkt eines Tauchgangs oder eben eines Tauchgangspaares zuerst aufgesucht werden sollte. Dadurch erhält man den maximalen Druck, der auf die entstehenden Gasblasen einwirken kann, so dass diese auf ihren minimalen Radius zerkleinert werden können. Kleine Blasen sind vor dem Hintergrund dieses Modelles anzustreben, da sie bei der Dekompression wegen ihres spezifischen Radius, der nun kleiner ist als ein zu definierender "kritischer Radius", ihr Volumen bei der Dekompression nicht vergrößern, da die Kraft Oberflächenspannung der Blase in Verhältnis zur expansiven Kraft ihres Inhalts, dies verhindert.

Weiterhin führt Yount aus, dass für den Fall, dass zwei Tauchgänge nacheinander ausgeführt werden sollen, die Blasenlast des ersten den zweiten mitbeeinflusst. Je größer diese ist, desto größere Einflüsse für den Wiederholungstauchgang ergeben sich. Da die Blasenproblematik mit der Zeit der Oberflächenpause abnimmt, werden die Einflüsse jedoch im Laufe der Zeit geringer. Daraus ergibt sich, dass der erste Tauchgang die höhere Belastung darstellen sollte.

Das nächste Problem betrifft die Blasen, die nach der Dekompression nach dem ersten Tauchgang im Körper verbleiben. Sie stabilisieren sich und dienen für die Blasen des zweiten Tauchganges als eine Art Kondensationskerne. Wenn der erste Tauchgang die Blasen durch einen hohen Umgebungsdruck "zerkleinert", bleiben auch beim zweiten Tauchgang weniger Blasen zurück, da das Aufkommen an freiem Inertgas insgesamt geringer ist.

In der Praxis bedeutet dies für umgekehrte Tauchgangsprofile:

  • Tiefsten Punkt des jeweiligen Tauchganges zuerst aufsuchen.
  • Langsame Aufstiege.
  • keine abrupten, exzessiven Tiefenwechsel (sig. Jo-Jo-Tauchen ).
  • Sehr konservative Austauchphase.
Die ausschließliche Zulässigkeit reverser Tauchprofile nur bei der Durchführung von Nullzeit-Tauchgängen zu postulieren, wie man gelegentlich lesen kann, ist i. W. unsinnig, da einereits schlecht definierbar ist, wo die sog. Nullzaiet aufhört und die Dekompressionspflicht beginnt und sich auch bei einem NZ-Tauchgang durch ein ungeschickt gestaltetes Austauchprofil eine signifikante Inertgasblasenbelastung ergeben kann. Für Nullzeit- und dekompressionspflichtige Tauchgänge gelten die gelichen Regeln, wenn man die Gasblasenentstehung beim Austauchen so weit als möglich verringern will.

F: Was sind die 90er- und die 7er Regel?

A: Mit diesen einfachen Kopfrechenformeln bzw. Tabellen lässt sich die Nullzeit auf einer gegebenen Tiefe näherungsweise ermitteln:

90er-Regel

NZ = 90 - 2 x Tauchteife [m]

Beispiel: Nullzeit in 35m Wassertiefe = 90 - 2 x 35 = 20 min.

7er-Regel

Man setzt an: Nullzeit auf 50m WT = 0 min., auf 40 m = 7 min. Alle 10m höher wird die Nullzeit verdoppelt, also auf 30m: 14 min., auf 20 m: 28 min, auf 10m ist die NZ dann unendlich.
 

Stand:09.08.2002 

Peter Rachow

22.7.12 08:18

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